INTERVIEW

Interview mit Albert Uthoff (1916 – 2017) aus dem Jahr 2006

Albert Uthoff (1916 – 2017)

Albert Uthoff hat den SCO seit Beginn der 30er Jahre bis zur  Fusion mit Eintracht Oelde zur „Spielvereinigung Oelde“ 1990 begleitet. Der im Jahr 2017 verstorbene Uthoff hat in seiner Jugend als Linker Läufer gemeinsam mit Conny Grieskamp beim SCO auf der Moorwiese, die ihrem Namen damals noch alle Ehre machte, gekickt. Doch schon bald musste er den SCO in Richtung „Germania Stromberg“ verlassen, da er in Stromberg seine Lehre als Schmied antrat.

Dem Fußball blieb Albert Uthoff sogar während des Krieges treu, als er bei der „Luftwaffe Nord“, mal in München, mal in Berlin, gegen andere Luftwaffenteams spielte. Nach dem Krieg arbeitete Albert Uthoff bei der Autobahnmeisterei in Oelde, nur wenige hundert Meter von der Moorwiese entfernt… Er kehrte zu „seinem“ SCO zurück und hat die Höhen und Tiefen des ruhmreichen Vereins treuen Herzens miterlebt.

 


Lieber Herr Uthoff; Sie sind heute über 90 Jahre alt und damit älter als es der SCO jemals geworden ist. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Anfänge beim SCO?

Ich hab damals, in den 30ern, in der Schüler gespielt beim SCO, gar nicht so lange, weil dann kam ich in die Lehre nach Stromberg. Da habe ich Schmied gelernt. Dann hab ich in drei Jahre Stromberg gespielt, und dann kam schon bald der Krieg, und da war es ganz aus mit Fußball.

Haben Sie damals schon auf der Moorwiese gespielt?

Ja, auf der Moorwiese! Düding war der Bauer, dem gehörte die Wiese. Der hatte das Land aber auch nur gepachtet. Das gehörte ja alles hier, aus Ostenfelde, dem Grafen. Das war kein Eigentum vom Düding. Und der Verein hat es dann später gekauft.

Wie sah die Moorwiese damals aus?

Die war immer so’n bisschen moorig, und wenn’s regnete, lag da immer der Schlamm drauf. Das war schon schlimm. Das war wirklich schlimm! Das war ja nicht Rasen, das war nicht Asche, das war: Erde. Das war so matschig, da war manchmal kaum zu spielen. Und dann waren da noch Kühe drauf, da mussten wir die Kühe runter treiben, die kamen dann in den Stall zum Melken, und dann haben wir da Fußball gespielt. Die Kuhfladen mussten wir wegmachen. Da kamen se mit Eimern und Schüppen und mussten das wegmachen. Die Spieler selbst! Ne Kuhwiese war das! Und da war auch kein Zaun drum. Das war eingekreidet, mit so Strichen, und das war alles. Tore standen da, das waren aber nur zwei Stangen, da gab es ja keine Netze. Und das Gras war immer kurz, weil da waren ja immer die Kühe, da konnte das Gras ja nicht hoch sein (lacht). Und weil die Moorwiese immer so matschig war, waren meine Eltern auch immer dagegen, dass ich da spielte. Da kamen wir immer wieder wie so’n Schwein. Das war ja nicht wie heute, da gab’s ja nicht mit Dusche… Wir gingen ja unter die Pumpe. Da musste einer pumpen, und dann die anderen drunter gestellt und abgewaschen

Und die war an der Moorwiese, die Pumpe?

Ja, die war an der Wiese, hinten. Aber wir sind immer so dreckig nach Hause und dann hier unter die Pumpe. Wir hatten ja ne Pumpe inne Küche stehen. Da kam dann die Mama, die hat dann cheholfen

Hört sich ziemlich abenteuerlich an…

Ja, das war ja damals nicht so, dass man sich da groß anmelden musste oder dass man einen Pass haben musste, das gab’s ja überhaupt nicht. Und auch mit der Ausrüstung: Schuhe wurden damals oft von älteren Spielern an jüngere weiter verschenkt. Ich weiß noch, ich hab ein Paar Schuhe von Richard Frohn gekriegt. Der wohnte hier, der spielte Linksaußen, Richard Frohn. Da wollten meine Eltern das nicht haben, dass ich Fußball spielte wegen der Knochenbrüche und der Fußbrüche. „Lasst den Jungen doch spielen!“ hat der Richard Frohn da gesagt, „der kriegt auch von mir ein paar Schuhe!“ So fing das an! Das war auch ne schöne Zeit. Und da waren dann immer so Liebhaber, die haben die Fahrten zu den Auswärtsspielen bezahlt, nach Ahlen…

Es gab also damals schon Schlachtenbummler? Wie sind die denn gebummelt? Mit dem Auto?

Meistens mit dem Zug. Autos chab’s da ja hier noch gar nicht (lacht). Oder wenige! Wenige! Und da waren auch nicht so viele Leute. Und dann fing das mit dem Handball an, da waren die Oelder ja auch stark. Da ging man morgens erst zum Handballplatz und nachmittags dann zum SCO-Platz. Damals hat der SCO kaum ein Spiel verloren, die waren immer gut. Das waren so die 30er Jahre. Die erste Mannschaft war ja in der Oberliga, sagte man damals, die spielten gegen Bielefelder Vereine, gegen Lemgo, gegen Paderborn, Lippstadt, Chütersloh und Beckum. Das war, als ich in der Schüler war

Was war denn damals das interessanteste westfälische Derby? Die Spiele gegen Ahlen? Oder gegen Beckum?

Beckum gegen Oelde, das war immer wunderbar! Damals konnte Beckum hier nicht gewinnen. Damals, als der Fritz Strunck hier Mittelstürmer war. Die Frau Sperl, das war seine Schwester!

Fritz Strunck?

Ja, Fritz Strunck, der ist chanz wenig bekannt. Da wird gar nicht von chesprochen, weil der leider gefallen ist. Das war der beste Stürmer, den sie je gehabt haben, außer Rahn. Der hat aber nur ein paar Jahre gespielt, dann wurde der Soldat, der kam zu den Fliegern, und der ist dann gleich bei den ersten Flügen umgekommen. Das war der beste Mittelstürmer, den sie je hatten.

Aus der Zeit in den 30er Jahren ist der 9:0-Sieg gegen SV Neuhaus berühmt geworden. Haben Sie das Spiel damals miterlebt?

Aaahhh! Da hat der Strunck sieben Tore geschossen! Ein Tor mit der Hacke! Das weiß ich noch. Das war ein Aufstiegsspiel. Das war was Besonderes! Da war der ganze Platz voll Leute. Da ist sehr viel drüber chesprochen worden. Das war eine Mannschaft, die hat kaum je verloren. Und der Strunck ging ja später von Oelde weg, nach Ahlen. Der hatte da dann ne Kneipe. Und eine in Oelde, in der Bultstraße.

Fritz Strunck ist heute leider weitgehend vergessen. Den Größten, den der SCO je hatte, war wohl Helmut Rahn…

Helmut Rahn, ich glaube der hat 47/48 hier gespielt. Die Währung kam doch 48 oder? Der hat jedenfalls vor der Währungsreform hier gespielt.

Haben Sie den „Boss“ damals kennen gelernt?

Ach, der war immer so umlagert, da kam man gar nicht dran. Aber der stand hier immer inne Stadt und war Eis am lutschen! Arbeiten hatte der keine Laune dran, ne!? Der hatte ja keine Lust am Arbeiten (lacht)! Aber wenn der einen Fußball sah, dann war der nicht zu halten. Und wenn der Platz noch nicht offen war, dann stieg der oben über’n Zaun. Und seinen Führerschein hat er hier gemacht.

In Oelde?

Ja, den hat er hier gemacht. Zweimal (lacht)! Zweimal musste er los! Und nachher war er ja Fahrer gewesen, bei Westfalia. Da hat er wohl den Chef hin und wieder mal fahren dürfen oder irgend sowas…. Menschlich war der Rahn prima. So’n Kumpel! Menschlich gesehen ein ganz wunderbarer Mensch. Hat immer mit den Kindern gespielt. War ja mal beim Jubiläumsspiel hier und hat auch noch den Anstoß gemacht. Aber wie dann die Währung kam, da ging das mit dem Geld los, da ist der wieder gegangen. Und dann hat er Pech gehabt, weil er hat ja gerne diesen hier (macht Trinkgeste) gemacht, das hat er ja nicht dürfen.

Wie kam das eigentlich, dass so ein Ausnahmespieler wie Rahn sich zum SCO verirrt hat? Das war zwar noch etliche Jahre vor der WM 54, aber trotzdem…

Der ist hier cherne hingekommen, weil der hier was zu essen bekommen hat in Oelde. Damals, da waren das ja Werte! Wenn du da ein Schwein gekriegt hast… – die Oelder haben ja damals auch seine Eltern versorgt…

Sie meinen, der SCO hat Rahn mit Schweinen „gekauft“?

Ja, es gab ja nichts zu essen zu der Zeit. Da haben die Eltern vom Rahn in Essen, von Oelde aus, – das darf man eigentlich nicht sagen – haben die Kartoffeln gekriegt. Die haben ein Schwein gekriegt. Um den Rahn zu halten, haben die Oelder dem Rahn seine Eltern versorgt.

Da haben die Oelder Rahns Eltern Kartoffeln nach Essen geschickt?

Ja selbstverständlich! Die haben alles gekriegt. Das waren aber nicht nur Schweine und Kartoffeln, dem haben se auch sonst was zucheschoben. Das möchte ich aber nicht, dass das in der Zeitung gedruckt wird…. – Es waren ja einige Gönner da in Oelde. Der Haver hat viel getan. Rudolf Haver hat den Verein hochgehalten, das muss man sagen. Der Haver war ja mit dem Rahn auch in Bern. Der hat den da noch getroffen.

Und Sie meinen, da hat der Haver dem Rahn mal ein Schwein zugesteckt?

Dat war nicht nur mal ’n Schwein, der hat von so vielen was gekriegt. Aber das war ja der ganze Kohlenpott. Da kam ja der ganze Kohlenpott hierhin zum Betteln. Da kamen die mit Zügen, und wenn die dann zuhause ankamen, haben sie denen das noch wieder weggeholt. Die haben hier Pflaumen geholt und Kartoffeln geholt.

Sie sind nach dem Krieg wieder SCO-Mitglied geworden und haben auch Rahns aktive Zeit miterlebt. War Rahn schon damals ein Held?

Ich erinnere mich noch: Oelde hat gegen Katernberg gespielt. Die waren ja alle so begeistert vom Helmut Rahn, da spielten die Sonntags in Gütersloh. 2:1 für Oelde. Rahn schoss beide Tore. Da sind die mit Fahrrädern alle hin, Kinder mit Fahrrädern, Autos gab’s ja kaum, bis Chütersloh gefahren. Ich bin selbst auch dagewesen. Ich bin auch mit dem Fahrrad nach Gütersloh gefahren. Und der Rahn schoss aus allen Lagen, aus allen Rohren schoss der!

Sind die SCO-Fans damals zu den Auswärtspielen immer mit dem Fahrrad gefahren?

Nicht immer. Nicht alle. Aber ich hab früher selbst chefahren zu der Zeit, wie keine Autos da waren. Ich war ja an der Autobahnmeisterei, und unser Chef war zweiter Vorsitzender vom SCO, und da fuhr die Autobahnmeisterei auch zu den Auswärtsspielen. Wir hatten einen LKW mit Holzvergaser, und aus „Der Geist“ fuhr auch immer einer einen LKW mit Holzvergaser, da kam noch ein Anhänger hinter mit Stangen oben, so dass die Leute da nicht runterfliegen, und dann fuhren wir los. Und ich hab meist kassiert. Ich war Kassierer, damit wir so’n bisschen Fahrtgeld zusammenkriegten. Die Sitzbänke, die kamen von der Auobahnmeisterei, das waren früher Leitplanken von der Autobahn gewesen. Die hab ich da selbst noch mit hingefahren. Das war alles ne Schieberei…

Nach so langer Treue zum SCO, – wie haben Sie eigentlich die Fusion 1990 erlebt? Immerhin waren der SCO und Eintracht vor der Fusion Rivalen.

Eintracht? Das gab’s zu meiner Zeit noch gar nicht. Aber da wär ich auch nicht hingegangen. Eintracht lag mir nicht so. Deshalb hab ich das früher mit der Fusion nicht haben können, aber heute hat man sich dran chewöhnt.

Lieber Herr Uthoff, vielen Dank für dieses Interview!